Ein Weihnachtsbrauch aus dem Münsterland

Bild der 52. Woche - 24. Dezember bis 30. Dezember 2018

Steinigung des heiligen Stephanus, Köln, um 1280. Glasmalerei, 64 x 57 cm. Köln, Museum Schnütgen, Inv.-Nr. M 524 (Foto: RBA Köln)

26. Dezember. Die Menschen sind noch gefangen im Zauber des Heiligen Abends und schauen besinnlich zurück auf die vorangegangenen Feiertage im Kreise der Familie. Nicht mal das größte Kölner Urgestein denkt zu diesem Zeitpunkt daran, den Tag mit einem Glas Kölsch zu beginnen.

Aber was passiert, wenn ebendieser Kölner seine Familie nicht um sich versammelt hat und sich den zweiten Weihnachtstag ausgesucht hat, um sie zu besuchen? Angenommen im Münsterland. Nur knappe zwei Autostunden entfernt erwartet ihn ein gänzlich anderer Ausklang des Weihnachtsfestes. Er wird vermutlich innehalten und verwundert eine der sehr belebten Kneipen betreten. Gesellt er sich dann in die illustre Thekenrunde, wird ihm schon bald auffallen, dass jeder, der neben ihm ein Getränk bestellt, dem Wirt neben Geld einen kleinen Stein zusteckt. Neugierig geworden, fragt er nach dem Grund und bekommt die nicht besonders zufriedenstellende Antwort: „Na, weil ich sonst eine Runde schmeißen muss!“

Die Frage nach dem Warum ist damit sicherlich noch nicht geklärt. Was hat es also damit auf sich, dass die Münsterländer am zweiten Weihnachtsfeiertag nicht wie andere Christen den Ausklang des Weihnachtsfestes feiern, sondern in der Kneipe ihr Bier mit Steinen auslösen? Die Antwort auf dieses Mysterium liegt in einer langen Tradition, welche auf einer doch sehr christlichen Angelegenheit beruht.

Der 26. Dezember ist nämlich nicht nur der zweite Weihnachtsfeiertag, er ist für viele christliche Strömungen auch der Tag des Heiligen Stephanus. Von dessen Leben und Wirken erzählt die Apostelgeschichte des Lukas. Vermutlich etwa zur selben Zeit wie Jesus geboren, wirkte er als einer von 7 Diakonen in Jerusalem und pflegte die Armen, Frauen und Waisen. Zu diesem Amte war er von den Aposteln selbst berufen, nachdem zwischen den hellenistischen und hebräischen Juden ein Streit darüber entbrannt war, wer für ebendiese Aufgabe zuständig sei. Stephanus engagierte sich aber darüber hinaus auch als Evangelist und predigte in der Öffentlichkeit. Mit seinen Predigten erntete er schon bald heftige Kritik von den hellenistischen Juden. Diese warfen ihm nichts weniger als Hochverrat vor und beschuldigten ihn, sich diffamierend über ihre Religion geäußert zu haben. Stephanus trat diesen Anschuldigungen mit einer ausschweifenden Verteidigungsrede entgegen und als er sich an deren Ende gen Himmel wendet und feststellt, er sehe Jesus an Gottes Seite, wird er unter dem Vorwurf der Blasphemie verurteilt und gesteinigt.

Im aktuellen Bild der Woche wird diese Szene eindrucksvoll dargestellt. Im Kontext des sakralen Umfeldes besticht es vor allem durch die dominanten blauen, roten und gelben Farbakzente. Im Mittelpunkt steht selbstredend Stephanus, welcher, dem unmittelbaren Tode harrend, seinem christlichen Glauben dennoch nicht abschwört.
Sein flammendes Bekenntnis und ebendiese Treue zum Christentum im Angesicht des Todes machten Stephanus zum ersten Märtyrer des Christentums und begründeten seine Verehrung. Diese hat eine lange Tradition und findet Ausdruck in verschiedensten Bräuchen. In früheren Jahrhunderten zogen in seiner Erinnerung unter anderem Kinder von Haus zu Haus und baten um Gaben für die Armen.
Oder man geht eben in die Kneipe und vermeidet das Bezahlen einer Runde durch das Mitführen eines Steins.

L. Zeidler-Büttgen