Schlange und Peitsche. 100 Jahre lenkbares Licht

Bild der 02. Woche - 14. Januar bis 20. Januar 2019

Scherenleuchte, Curt Fischer, 1919, Sammlung Einsiedler / Midgard, Foto: © Jenner-Egberts Foto+Film

Midgard „113“, Curt Fischer, 1924, Sammlung Einsiedler / Midgard, Foto: © Jenner-Egberts Foto+Film

Es ist ein merkwürdiger und sinnreicher Name für ein Produkt. „Midgard“ bedeutet im Germanischen „Welt“ oder „Erde“. In der nordischen Mythologie wird die Welt von der riesigen Midgardschlange bedroht, die ihren Körper durch das Weltenmeer windet, bis sie schließlich von Thor getötet wird.
1919 übernimmt der Ingenieur, Tüftler und Gestalter Curt Fischer das Industriewerk Auma im gleichnamigen thüringischen Ort. Dort werden Maschinen zur Produktion von Industrieporzellan hergestellt. Er ergänzt den Firmennamen durch Ronneberger und Fischer, im Gedenken an den im Krieg gefallenene Gründer Konrad Ronneberger. Ein Jahr später erscheint die Bezeichnung Midgard für einen neuen Typus von Lampen – Lampen, die das Licht lenken und so das Dunkle aus allen Winkeln verscheuchen können; ein durchaus anspielungsreicher Name.

Die Erfindung kommt zum richtigen Zeitpunkt, den mit dem Ende des Ersten Weltkriegs setzt die Industrie-Produktion wieder ein. Tageslicht allein reicht nicht aus, und die üblichen Decken- und Pendelleuchten liefern ihr Licht nur von oben. Das ist wegen des Schattenwurfs weder gut für die Arbeit noch für das Produkt. Curt Fischer denkt und tüftelt so lange, bis er eine Lösung für seine Fabrik hat. Fischers berühmte Scherenleuchte wird am 26. November 1919 patentiert. Nun lässt sich das Licht per Hand heranziehen, und der drehbare Kopf kann den Lichtkegel in alle Richtungen lenken. Der ersten Gelenkleuchte folgen bald weitere.

Das berühmteste Modell ist Nr. 113 mit einem gebogenen Stab, sinnreich als „Peitsche“ bezeichnet, die ihre Fans nicht nur unter Ingenieuren und Firmenbesitzern hat, sondern vor allem auch bei kreativen Köpfen. Die gestalterische Avantgarde der 1920er Jahre am Bauhaus und darüber hinaus entdeckt die Lichtgeräte von Fischer für sich. Gestalter wie Marianne Brandt, Marcel Breuer, Walter Gropius und Laszlo Moholy-Nagy, aber auch Lyonel Feininger, Egon Eiermann, Sep Ruf und Jan Tschichold begeistern sich für das blendfreie, frei bewegliche Licht. Architekten, Fotografen, Typografen, Maler nutzen es den Ateliers und entwerfen Einrichtungen, in denen Midgard-Licht zur Selbstverständlichkeit wird.

Heute finden sich lenkbare Lampen auf jedem Schreibtisch. Wer ihrer Geschichte nachspüren will, hat dazu bis zum 24. Februar Zeit. Dann endet die Ausstellung „100 Jahre lenkbares Licht“, die das MAKK aus Anlass der heute beginnenden Designwoche „Passagen“ zeigt.

M. Hamann