Ein Moment des Glücks

Bild der 03. Woche - 21. Januar bis 27. Januar 2019

David Seymour: Ohne Titel, 1948. Silbergelatineabzug, 21,2 x 19,8 cm.
Köln, Museum Ludwig, Sammlung Fotografie, Inv.-Nr. ML/F 1994/0276 Schenkung Gruber (Foto. rba9

Handball-Weltmeisterschaft. Die deutschen Fans fiebern mit der Mannschaft auf deren Weg ins Halbfinale. So packend wie in den Arenen geht es auf dem Bild der Woche nicht zu, aber die Begeisterung für den Ballsport ist allen, die auf diesem perfekt geschossenen Foto abgelichtet sind, anzusehen: der katholischen Nonne, die sich ihr Kruzifix vorne in Bund gesteckt hat, um den Ball werfen zu können; die ganze Mädchenklasse, von denen die vorderen den Ball zu fangen versuchen, die hinteren hingegen mitfiebern; selbst die Lehrerin in der letzten Reihe beobachtet gespannt das Geschehen. Die Gruppe steht auf einem Hügel unterhalb einer Ruine. Im oberen Bereich begegnen sich der Ball und Mauerwerk, ein rundes Loch im Gebäude bildet den Gegenpol zu dem Spielgerät. Besser ließe sich der Gegensatz von Lebensfreude und Zerstörung in diesem Bild kaum einfangen. Und damit sind wir beim Kern des Bildes.

Die meisterhafte Fotografie aus dem Jahr 1948 stammt von David Seymour. Aufgenommen ist sie in Italien, wohin der Fotograf bei einer Reise durch Europa gelangt. Seymour unternimmt keine Vergnügungsfahrt. Im Auftrag der UNESCO reist er in die Tschechoslowakei, nach Polen, Deutschland, Griechenland und Italien, um die Auswirkungen des Krieges auf die Kinder zu dokumentieren. Eine Auswahl erscheint 1949 in seinem berühmten Buch „Children of Europe“, eine eindrucksvolle Dokumentation des vom Krieg verheerten Kontinents, in dem Kriegswaisen, kleine Invaliden, traumatisierte Mädchen um ihrem Lebensweg kämpfen.

Seymour war eine der führenden Köpfe der Fotoagentur Magnum. In Polen und Russland aufgewachsen, studiert er von 1929 bis 1931 an der Akademie für Graphische Künste in Leipzig, wechselt 1931nach Paris und schließt 1933 an der Sorbonne ab. Als selbständiger Fotograf publiziert er regelmäßig in „Regards“, dem führenden französischen Fotomagazin. In Frankreich macht er die Bekanntschaft von Robert Capa und Henri Cartier-Bresson. Mit den Schrecken des Krieges kommt Chim, wie er sich nennt, 1936 in Berührung, als er in Spanien das Grauen des Bürgerkrieges dokumentiert. Als überzeugter Antifaschist dient Chim, der Europa 1939 verlässt und nach Mexiko, dann nach New York reist, von 1940 bis 1945 in der US-Armee als Fotoaufklärer und Dolmetscher. 1947 gründet Seymour zusammen mit Robert Capa, Cartier-Bresson und George Rodger die Fotoagentur Magnum Photos, in der Überzeugung, dass dokumentarische und zugleich empathische Fotografie das Medium der Zeit sei.

Seymour wird, zusammen mit dem französischen Fotografen Jean Roy, während der Suezkrise von ägyptischen Soldaten erschossen, als er die Frontlinie überquert, um über einen Gefangenenaustausch zu berichten. Auch wenn sein Wirken mehr als 60 Jahre zurück liegt, haben seine Aufnahmen nichts von ihrer Aktualität verloren.

M. Hamann