Der Wolf kommt

Bild der 05. Woche - 4. Februar bis 10. Februar 2019

Fritz Dinger: Rotkäppchen mit dem Wolf (nach Ernst Bosch), 1868. Radierung, 794 x 590 mm (Blatt), Graphische Sammlung, Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud (Foto: RBA)

Der Wolf ist ein weit verbreitetes Motiv im Märchen. Dabei hat kein anderes Tier im Märchen ein derart schlechtes Image – was möglicherweise historische Ursachen hat. Der Beginn der frühen Neuzeit, die Zeit der ersten Märchensammlungen, war eine Epoche starker wirtschaftlicher Expansion. In dieser Zeit wurde der natürliche Lebensraum der Wölfe immer weiter beschnitten. In der Folge griff das bedrängte Tier Menschen und Nutztiere an und wurde zunehmend zur Projektionsfläche für Ängste und negative Typisierungen. Beispiele dafür sind die beiden bekannten Grimm´schen Märchen "Rotkäppchen" sowie "Der Wolf und die 7 Geißlein". Beide Märchen waren im ersten Band der 1812 erschienenen Kinder- und Hausmärchen – gesammelt durch die Brüder Grimm enthalten.

"Rotkäppchen" ist das Märchen, das weitaus häufiger illustriert wurde als "Der Wolf und die 7 Geißlein". In beiden Märchen jedoch wird der Wolf als gierig und gefräßig charakterisiert. Die Gefräßigkeit steht auch als Metapher für sexuelle Gier – und zwar bereits im Märchen "Le petit chaperon rouge von Charles Perrault", das zu dessen 1697 erschienener Märchensammlung "Histoire ou contes du temps passé" gehört. Perraults "Le petit chaperon rouge" gilt als Vorläufer des deutschen Rotkäppchens.

Die Graphische Sammlung im Wallraf-Richartz-Museum besitzt einen großformatigen Kupferstich des deutschen Malers und Kupferstechers Friedrich "Fritz" August Dinger (1827–1904), den dieser nach einer Vorlage von Ernst Bosch (1834–1917) schuf. Bosch war Mitbegründer des Düsseldorfer Radierclubs; Dinger wurde vor allem bekannt durch seine graphischen Reproduktionen nach Gemälden. Sein Kupferstich "Rotkäppchen in Waldlandschaft mit dem Wolf sprechend" aus dem Jahre 1868 zeigt die beliebte Szene der ersten Begegnung von Wolf und Rotkäppchen im Walde. Rotkäppchen ist ein kleines, barfuß daherkommendes Bauernmädchen im Dirndlkleid, das gemäß der Grimm´schen Märchenfassung einen Korb mit Kuchen und Wein für die Großmutter am Arm trägt, während es in der anderen Hand einen großen, eleganten Stockschirm hält, der in dieser Szenerie völlig deplatziert wirkt und den es notfalls als Waffe gegen das wilde Tier einsetzen könnte.

Obwohl der Wolf hier relativ naturgetreu als großes und gefährliches Tier dargestellt wird, zeigt Rotkäppchens Gesichtsausdruck keinerlei Erschrecken. Vielmehr scheint es, wie im Bildtitel angedeutet, ein Gespräch mit dem Wolf beginnen zu wollen. Sie sind einander zugewandt, die Größenverhältnisse erscheinen realistisch, beide sind in ein gleichmäßig warmes Sonnenlicht getaucht, das die Szenerie von dem sie umgebenden dichten, dunklen Wald abhebt.

Um den Wolf ranken sich von jeher zahllose Geschichten. Diese haben zu wahren Bilderfluten geführt, die uns heute immer noch zu überschwemmen scheinen. Die Ausstellung "Der Wolf – zwischen Mythos und Marchen", die das Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud seit kurzem zeigt, ist mit ihrer Auswahl an druckgraphischen Blattern aus vier Jahrhunderten ein nachhaltiger Beleg dafür, auf welch vielfaltige Weise der Wolf die Phantasie der Künstler auf sich zu ziehen vermocht hat.

M. Linsmann-Dege