Eine Tunika aus Ägypten

Bild der 15. Woche - 15. April bis 21. April 2019

Ärmelbesatz einer Josefstunika, Mitte 7 - 8. Jh. Wirkerei in gezwirnter Kette mit Nahtzugabe; fliegende Nadel; Kette: Leinen, Schuss: Wolle und Leinen; 15,5 x 29,5 cm. Museum Schnütgen, Leihgabe der Peter und Irene Ludwig Stiftung (Foto: RBA) 

Das Museum Schnütgen hat einen neuen Auswahlkatalog veröffentlicht, der ab sofort im Museum und im Buchhandel erhältlich ist. Das „Handbuch zur Sammlung ist auf Deutsch und Englisch erschienen. Prachtvoll ausgestattet umfasst es 280 Katalogtexte zu ausgewählten Kunstwerken, die einen repräsentativen Eindruck von der Bandbreite und Qualität der Sammlung vermitteln. Zum ersten Mal seit 50 Jahren liegt damit wieder ein derartiges Buch vor, das in allgemeinverständlicher Weise die Bedeutung und Schönheit der Werke verdeutlicht und zugleich den aktuellen Stand der Forschung erschließt. In einer kleinen Serie stellen wir daher in unserem "Bild der Woche" Werke des Museum Schnütgen vor und beginnen mit einem seltenen Objekt aus Ägypten. Im Handbuch wird es als Nr. 4 von Annette Paetz gen. Schieck behandelt.

Dargestellt sind Szenen aus der Josefsgeschichte. Josef ist der Lieblingssohn des Jakob und verrät seine Brüder oft beim Vater, die ihn dafür hassen und sich rächen.  Sie verkaufen ihn als Sklaven an eine nach Ägypten ziehende Karawane und täuschen Jakob vor, Josef sei von wilden Tieren getötet worden. Die alttestamentarische Geschichte (Gen 37) regte offenbar dazu an, eine eigene Erzählweise für Tuniken zu entwickeln und die Geschichte in neun Szenen zu gliedern. Die Konzeption verrät antike Vorbilder und byzantinische Farb- und Gestaltungseinflüsse.

Der vorliegende Besatz ist in drei Abschnitte unterteilt. Die beiden äußeren enthalten je zwei Register mit den Szenen: Josef nimmt Abschied vom Vater (o. l.); Josef wird in die Zisterne geworfen (o. r.); Ruben opfert einen Bock und benetzt Josefs Kleid mit dem Blut als Beleg für dessen Tod - wobei Josef bereits gerettet ist (u. r.); Ruben kehrt zur Zisterne zurück, während Josef bereits mit einer Karawane nach Ägypten reist (u. l.). Die Hauptfigur ist stets durch blondes Haar und einen Nimbus gekennzeichnet und erscheint in allen Szenen. Im Mittelfeld mit dem Medaillon ist der schlafende und träumende Josef zu sehen, vor dem sich Sonne, Mond und Sterne verneigen. Dieses Motiv ist charakteristisch für die gesamte Geschichte und hilft dem Betrachter, auch die anderen Szenen zu deuten. Wer diese Tuniken getragen hat, ob Christen, Juden, Muslime, Männer oder Frauen, ist heute nicht mehr zu bestimmen. Auch lässt sich der Anlass nicht mehr benennen.

Der weitgehend vollständige Ärmelbesatz gehört zur Gruppe der „Josefsstoffe", die in vielerlei Hinsicht einen Wendepunkt in der Gestaltung und Herstellung von Tuniken verkörpern, ausgelöst durch veränderte Wirtschaftsstrukturen in Ägypten seit der arabischen Eroberung 641 n. Chr. Bis dahin waren Tuniken Einzelanfertigungen; fortan wurden sie in arbeitsteiligen Verfahren hergestellt. Das Gewand wurde aus sechs Standardteilen in Leinwandbindung geschneidert, der Dekor aber erforderte Spezialkenntnisse sowie Webstühle mit gezwirnter Kette und wurde in Serie produziert. Platzsparend arrangierte man vollständige Sets von Schmuckfeldern aus vier großen und zwei kleinen ovalen Feldern (Orbiculi), zwei Zierstreifen (Clavi mit Sigilla am Band) und zwei Ärmelbesätzen (Manicae) und füllte die Zwischenräume mit Leinenweberei.

Die Datierung des Stoffs erfolgt in Analogie zu ähnlichen Stoffen, deren Entstehungszeit dank der Radiokarbonmethode auf das 7. und 8. Jahrhundert festgelegt werden kann.

M. Hamann