Die Kölner Gottestracht - ein fast unbekanntes Spektakel

Bild der 17. Woche - 29. April bis 5. Mai 2019

Johann Schott (Entw.) und Gerhard Altzenbach (Ausf.): Die Kölner Gottestracht (Colonia Agripina urbs florentissima theophoria), um 1658. Kupferstich auf Papier, 64,9 x 76,5 cm. Kölnisches Stadtmuseum, Inv.-Nr. KSM RM 1927/83 (Foto: RBA)

Die Mülheimer Gottestracht ist vielen in Köln und Umgebung ein Begriff - jene Fronleichnamsprozession in Köln-Mülheim, die nicht nur zu Land, sondern auch mit Schiffen auf dem Rhein durchgeführt wird. Weitgehend unbekannt ist jedoch die Kölner Gottestracht, obgleich sie über Jahrhunderte hinweg die Zeit nach Ostern prägte und eines der spektakulärsten Ereignisse im Kölner Jahreslauf darstellte.

Der Vogelschauplan, den Johann Schott und Gerhard Altzenbach nach dem Dreißigjährigen Krieg herausbringen, zeigt eine aufwendige Stadtansicht Kölns, die exakt die Bebauung und Nutzflächen innerhalb der Stadtmauer, die mittelalterliche und neuzeitliche Ummauerung und die Wegeführung außerhalb zeigt. Zugleich aber schildert er das Ordnungssystem, dem die Stadt über Jahrhunderte hinweg unterliegt. Anlass für den Kupferstich ist die größte Prozession im Köln vor der Franzosenzeit, die Gottestracht.

Die große Kölner Gottestracht findet vom 14. Jahrhundert bis zum Ende der Reichsstadt am zweiten Freitag nach Ostern statt. Es ist eine gesamtstädtische Prozession, die in mehreren Stationen um die Stadtmauer herum schreitet und als Bittprozession den Leib Christi mit sich trägt – daher „Gottestracht“. Die Zeremonie kommt in Bedeutung, Feierlichkeit und Pracht einem Staatsakt gleich und ist Angelegenheit des Rates, nicht der Kirche. Der Rat der Stadt Köln legt fest, wer in welchem Wegabschnitt das Allerheiligste tragen darf, welcher geistliche Herr neben ihm schreiten und die Stationsmessen lesen darf.

Schon am Vorabend der Prozession füllt sich die Stadt mit Schaulustigen. Oftmals sind hohe geistliche und weltliche Würdenträger des Reiches darunter. Morgens um sechs Uhr beginnt ein einstündiges Glockengeläut, um sieben Uhr folgt das Hochamt. Dann verlässt die Prozession den Dom, umzieht die Stadt und kehrt nachmittags zurück. Das Blatt benennt 38 Gruppen, die hintereinander gehen, von den „Weibern“ an der Spitze bis zu den Soldaten am Ende. Im Blatt erscheint die Prozession zwischen einem Ring der Bürgermeisterwappen seit 1396 und flankiert von den Wappen der 22 Gaffeln, die an der Kette des Reichadlers hängen und von Bauer und Jungfrau bewacht werden. Die Stadt ist einig im katholischen Glauben und lebt in jener Ordnung, die der Verbundbrief seit 1396 regelt. Erst mit Ankunft der französischen Revolutionsarmee findet die Kölner Gottestracht ihr Ende. 

M. Hamann