Vom Ende einer Geschichte – Die Neue Rheinische Zeitung

Bild der 19. Woche - 13. Mai bis 19. Mai 2019

Karl Marx (Hrsg): Neue Rheinische Zeitung, letzte "rote" Nummer vom 19. Mai 1849, Druckfarbe, Papier, Buchdruck. Köln, Kölnisches Stadtmuseum, Graphische Sammlung, Inv.-Nr. G 23717 (Foto: RBA)

Aus dem Dunkel flog der tödtende Schaft,
Aus dem Hinterhalt fielen die Streiche —
Und so lieg' ich nun da in meiner Kraft,
Eine stolze Rebellenleiche

Erschrocken fährt er aus dem Schlaf hoch. Eine unruhige Nacht mit wirren Träumen liegt hinter ihm und immer wieder sieht er seine „stolze Rebellenleiche“, die Neue Rheinische Zeitung ein letztes Mal erscheinen. In prachtvollem, stolzen rot hatten sie sie abdrucken lassen und Ferdinand Freiligraths brillianter Feder die ersten und zeitgleich letzten Worte überlassen. „Das war es nun also.“, denkt er und gibt sich den Gedanken und Sorgen geschlagen, die seine zaghaften Versuche nach Schlaf belächelt hatten. Er sieht in den Spiegel und sieht sich, Karl Marx, dem Journalisten und Revolutionär das erste Mal seit Langem bewusst in die Augen. Was war nur passiert seit den ersten Stunden der Euphorie im Frühjahr des Jahres 1848?

Journalistisch war Marx kein unbeschriebenes Blatt als er im April 1848, motiviert durch die Ereignisse der bürgerlichen Revolution in Frankreich, nach Preußen zurückkehrte. Seine scharfe und radikale Feder hatte ihm schon einmal nicht nur den Posten als Chefredakteur gekostet, sondern auch zum Verbot der Rheinischen Zeitung geführt. Mit seinem Eintritt in die Redaktion 1841 hatte sich das einst liberale Blatt schon bald in das Sprachrohr der radikalen, sozialistischen Bewegung entwickelt. Marx, der Zeit seines Lebens die uneingeschränkte Freiheit der Presse forderte, hatte sich nicht gescheut das System der Restauration und damit Metternich persönlich zu kritisieren. Einmal zu viel, so scheint es, und so wurde die Rheinische Zeitung 1843 im Zuge der damaligen Pressezensur verboten.

Fünf Jahre später sollte ein neuer Wind wehen. Gemeinsam mit seinem Freund und Partner Friedrich Engels war Karl Marx zurück in Preußen und hochmotiviert sich wieder dem Schreiben zu zuwenden. Die Ereignisse der Zeit waren seinem Vorhaben wohlgesonnen: Die Märzrevolution sorgte für ein vorläufiges Ende der Pressezensur. So fand die Neue Rheinische Zeitung bald in Köln, am heutigen Heumarkt, eine neue Redaktion. Gemeinsam mit Marx und Engels arbeiteten einige Redakteure, allesamt Teil des Bundes der Kommunisten, eifrig an der Zeitung. Sie erschien erstmalig am 1. Juni 1848. Marx war hierbei weniger objektiver Chronist der Revolution, vielmehr nutzte er seine Stimme für sein parteiliches Wirken. Seine Teilhabe am damaligen Zeitgeschehen fand immer wieder einen bewusst politischen und radikalen Ton. Kaum eine Rubrik der Zeitung blieb vom Revolutionsgeist unberührt. Die Neue Rheinische Zeitung wurde mit einer extrem hohen Auflage zum berühmtesten Presseorgan der Revolutionsjahre von 1848/1849.

Doch die Probleme ließen nicht lange auf sich warten: die Regierung war sich der Wirkung der Feder bewusst und beobachtete die Neue Rheinische Zeitung sehr genau. Da sie aufgrund der aufgehobenen Pressezensur die Redakteure nicht wegen der Inhalte verhaften konnte, fand man andere Gründe. Im Zuge des ausgerufenen Belagerungszustands im Herbst 1848 wurde ein Großteil der Mitarbeiter wegen ihrer Reden auf Versammlungen verfolgt. Viele von ihnen, so auch Friedrich Engels, mussten für einige Zeit fliehen. Auch Marx stand wiederholt vor Gericht, wurde aber freigesprochen.

Der Druck der Regierung war nicht das einzige Problem, mit dem sich der Chefredakteur und Herausgeber der Neuen Rheinischen Zeitung konfrontiert sah. Die Finanzierung der Zeitung stand von Beginn an auf wackeligen Beinen. Viele Geldgeber hatten sich wegen der Inhalte aus der Zeitung zurückgezogen. Marx war auf Spenden angewiesen und unterstützt die Zeitung auch aus eigener Tasche.
Knapp ein Jahr nach dem Erscheinen häuften sich die Ereignisse. Die Märzrevolution im Rheinland war endgültig gescheitert und somit auch das Ende der Neuen Rheinischen Zeitung besiegelt. Das mächtige Blatt, welches Marx so lange als persönliches Sprachrohr gedient hatte, stand nun vor dem sicheren Aus. Am 18. Mai 1848 standen sie noch einmal alle gemeinsam in der Redaktion, um die letzte Ausgabe herauszugeben. Wenn sie gehen sollten, dann wenigstens mit der nötigen Aufmerksamkeit. Von Demut und Niederlage keine Spur. Man richtete sich direkt an die Leser: „Die Redakteure der Neuen Rheinischen Zeitung danken Euch beim Abschiede für die ihnen bewiesene Theilnahme. Ihr letztes Wort wird überall und immer sein: Emancipation der arbeitenden Klasse!“.

Marx wendet sich vom Spiegel ab und seufzt. Er weiß noch nicht, dass seine letzte Ausgabe der Neuen Rheinischen Zeitung noch zwei Mal neu aufgelegt werden muss – zu groß ist die Nachfrage, zu hoch das Bedürfnis diesen pompösen Abschied miterleben zu dürfen. Marx Blick fällt auf Freiligraths letzte lyrische Worte. Leise murmelt er vor sich hin:

Nun Ade — doch nicht für immer Ade!
Denn sie tödten den Geist nicht, ihr Brüder!
Bald richt' ich mich rasselnd in die Höh',
Bald kehr' ich reisiger wieder!

E. Burghardt