EINORDNUNG

Selbstzeugnisse, wozu etwa Briefe, Autobiographien oder auch literarische Texte zählen, sind für die Geschichtswissenschaft eine eigenständige Quellengattung, die gegenüber amtlichem Schriftgut einen völlig anderen Zugang zu einem Forschungsgegenstand eröffnen. Auch Gedichte können Aufschluss darüber geben, wie ein Individuum Erlebtes erfährt, verarbeitet und bewertet.

Die Erfahrungen von Menschen, die während des Nationalsozialismus verfolgt und in die Emigration getrieben wurden, sind in der Bundesrepublik lange kaum beachtet worden. Erst seit den späten sechziger Jahren wurde die literarische Emigration rezipiert, wobei nach und nach auch einige Kölnerinnen und Kölner, etwa Hilde Domin oder Hans Mayer, Beachtung fanden.

Was aber geschieht mit den Werken derjenigen, die sich der literarischen Schublade "Emigrant" bewusst verweigern? Sie bleiben, so steht zu befürchten, unbeachtet und ungelesen, wenn nicht, wie im vorliegenden Fall, Zufall, Neugier und Interesse dazu verhelfen, sie der Öffentlichkeit bekannt zu machen.

Fred H. Friedmann hat schon als Jugendlicher in Köln Lyrik und Prosa geschrieben. Das Panorama seiner Gedichte, die sich durch enorme Formenvielfalt auszeichnen, lässt einen Menschen erkennen, der dem Leben als ebenso humorvoller wie kritischer und aktiver Zeitgenosse gegenüber tritt. Das "Ich hab mich vertan" des jungen Erwachsenen, 1939 in Palästina verfasst, bleibt in Oeuvre wie in Biographie die einzige "Ernste Stunde", aus der kein Ausweg weist. Renitenz und Humor prägen den Lebensweg ("80 : Unantastbar").

Einzelne Lebensstationen, etwa das Köln der Kindheit ("Weisst Du noch?"), das Leben in Paris ("Die trunkene Geliebte"), das nachgeholte Examen ("Examen") oder die neue Heimat in England ("wo die bunte kohle blüht"), werden in den Gedichten mit einer Wucht entfaltet, die jedem Versuch, den Lebenslauf eines Verstoßenen zu rekonstruieren, spottet. Der viel beschworene Kulturtransfer wird von Friedmann zwischen Köln, Paris und London fast beiläufig gelebt ("Theodizee", "Eau de Cologne", "Kölscher Abzählreim"). Dem Alltag wird mit Skepsis ("Allmählich") und Lebensfreude ("Wozu") immer wieder ein Schnippchen geschlagen.

Hinter allen Texten verbirgt sich jedoch nicht ein auf sich selbst zurückgeworfenes Individuum, sondern ein Mensch, der sich den gesellschaftlichen Bedingungen seiner Existenz bewusst stellt. Politik ist dabei selten explizit ("Marlene Dietrich", "Große Wäsche"), und die Bezüge zu politischen Ereignissen oder Entwicklungen stellen sich manchmal nur über das Entstehungsdatum her ("Veränderung", "Schicksal", "Herbst"). Die Texte von Fred H. Friedmann sind nicht nur Momentaufnahmen einer Lebensgeschichte, sondern können eine weit über Vergangenheit oder Gegenwart hinaus weisende Gültigkeit beanspruchen.





Gedichte, die (mehr als) Geschichte schreiben