Kölner Domblatt 2014 - page 15

linien weitestgehend in jeweils einem eigenen Fluchtpunkt ober- und unterhalb der
Bildmitte zusammenlaufen. Hier handelt es sich um eine Vorgehensweise, die als
›Erfahrungsperspektive‹
21
bezeichnet wird und in Köln bereits um 1420 am Mari-
enretabel des Meisters des Gereon-Altars in Ansätzen festzustellen ist.
22
Eine weitere interessante Beobachtung lässt sich an dem mit Pressbrokat ver-
zierten Hintergrundvorhang machen. Zwar gibt der Vorhang aufgrund seiner Ver-
goldung im Infrarotreflektogramm keine flächendeckenden Informationen, doch
werden an Grenzflächen zu anderen Darstellungsbereichen mehrfach grafisch
angelegte Formen ersichtlich, die nahelegen, dass der Vorhang inklusive seines
Stoffmusters und seines Faltenverlaufs vollständig unterzeichnet ist (Abb. 7, 25).
Typisch Lochner
Die hl. Ursula und ihre Gefährtinnen auf der linken Flügelinnenseite
Die Unterzeichnung mit Pinsel und schwarz pigmentierter Zeichenflüssigkeit be-
schreibt in weitgehend konstanter Art und Ausführlichkeit die figurenreiche Dar-
stellung der hl. Ursula und ihres Gefolges (Abb. 8, 9).
23
Dabei werden wesentli-
che Merkmale des bislang bekannten Vokabulars und der Vorgehensweise
zeichnerischer Kompositionsplanungen von Gemälden Stefan Lochners erkenn-
bar.
24
Dazu zählen neben umfänglichen Konturen- und Binnenzeichnungen de-
taillierte Modellierungen durch Parallel- und Kreuzschraffuren. Hauptlinien der
Kontur- und Binnenzeichnungen, wie etwa im Faltenverlauf oder Saum des Man-
tels der hl. Ursula, bestehen oftmals aus aneinandergereihten Strichzügen, deren
häufiges Absetzen eher auf ein Nachzeichnen oder Nachfahren als auf eine freie
Formentwicklung hinweisen. Die weiterführende Ausarbeitung der Unterzeich-
nung umfasst in den Gesichtern kreisförmige Linien oder Linienbündel zur An-
gabe der Augenhöhlen. Nur selten sind genauere Zeichnungen der Augenformen
oder gar Pupillen erkennbar wie beispielsweise im Fall des Gesichts der Gefähr-
tin links der hl. Ursula. Augenbrauen und Nasen sowie Münder wurden meist nur
knapp konturiert oder skizziert. In kurzen parallelen Strichzügen sind Kinn- und
Halspartien definiert (Abb. 9).
133
zur unterzeichnung des altars der stadtpatrone
22
Sven Lüken: Die Verkündigung an Maria im
15. und frühen 16. Jahrhundert. Historische
und kunsthistorische Untersuchungen, Göttin-
gen 2000, S. 131. − Lauer, Schulze-Senger,
Hansmann [
5
], S. 17.
23
Für die Verwendung von Pinselwerkzeugen
sprechen die meist spitzen An- und Absätze so-
wie das Anschwellen vieler Linien im Strich-
verlauf. Die unterschiedlichen Strichbreiten
können auf die Verwendung unterschiedlicher
Pinsel oder eine variierende Handhabung des
Werkzeugs zurückzuführen sein.
24
Zur Charakterisierung von Lochners Unter-
zeichnungen vgl. [
6
], [
8
], [
11
], [
13
], [
16
].
1...,5,6,7,8,9,10,11,12,13,14 16,17,18,19,20,21,22,23,24,25,...63
Powered by FlippingBook